(c) Robert Boecker

Wolfgang Niedecken: „Gott ist keiner, der zum Lachen in den Keller geht."

  • 17.06.19 14:02
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Niedecken, Sie schreiben in Ihrer zweiten Biografie: "Ich bin kein Atheist, dazu mache ich mir viel zu viele Gedanken über Religion. Aber ich kann auch nicht sagen, woran ich glaube. Ich weiß nur, dass nach dem Schlaganfall und meiner Genesung mein Gottvertrauen zugenommen hat."

Ich war nie ein Atheist. Ich bezeichne mich immer als restkatholisch. Als Atheist könnte ich gar nicht leben. Ich glaube zu 51 Prozent. Das ist genetisch angelegt. Mein Vater, meine ganzen Urahnen, das waren alles katholische Winzer aus Unkel am Rhein. Das ist mir so vermittelt worden, da habe ich auch meine Werte letztendlich her. Das ist meine Religion, in der ich aufgewachsen bin und ich empfinde das auch so. Ich habe aber ein etwas saloppes Verhältnis zum Herrgott. Ich nenne den immer Chef. Ab und zu frage ich ihn, ob das so in Ordnung ist, was ich mache. Ich habe so eine Form von Beten entwickelt, die ist relativ locker. Der Gott, an den ich glaube, hat auch viel Humor und viel Verständnis. Der ist keiner, der zum Lachen in Keller geht, mit Sicherheit nicht.

Wie wichtig sind Ihnen Ihre Bundesverdienstkreuze?

Zunächst habe ich ein bisschen darüber gelächelt. Dann habe ich aber gemerkt, dass das für viele Leute ganz wichtig ist, dass ich diese Anerkennung bekomme. Und ich habe auch dazu gelernt. Wenn ich zum Beispiel mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler viel in Afrika unterwegs war, teilweise auch auf diesen Konferenzen, die er einberufen hat, wo Leute miteinander geredet haben, die sich sonst niemals in einem Raum befinden würden, wenn man dann mehr oder weniger zum diplomatischen Korps gehört, dann ist es schon gut, einen Anzug anzuhaben und dieses Ding da oben stecken zu haben. Weil das auch einen Respekt vor seinem Gegenüber bedeutet. Das ist unglaublich. Der erste Orden war ja der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Johannes Rau hat mir den verliehen. Da hatte ich nicht mal einen Anzug. Der wusste gar nicht, wo er das Ding festmachen sollte. Das habe ich damals für Arsch huh gekriegt. Und ich habe es dann auf Dauer auch verstanden, dass die Kölner natürlich mit Recht auch sehr stolz auf ihr großes Engagement gegen rechts sind. Und dann habe ich den Orden damals auch angenommen in Vertretung der ganzen Leute, die bei Arsch huh mitgearbeitet haben. Aber auch in Vertretung für die 100.000 Menschen, die am Chlodwigplatz waren.

 (c) Robert Boecker

Ist Kristallnach nach 37 Jahren nach Erscheinen noch aktuell?

Ja, das liegt natürlich an den politischen Entwicklungen. Aber man kann auch Lieder geschrieben haben vor einer langen Zeit, die irgendwann mal qualitativ nicht mehr gehen. Irgendwann wird es dann platt. Aber dieses Stück ist irgendwie dadurch, dass es anscheinend auch von einem Kunststudenten geschrieben wurde, ja wie ein surrealistisches Gemälde oder etwas von Hieronymus Bosch. Viele Zusammenhänge muss man sich erfühlen. Das ist schon etwas anderes, als wenn man die Leute bevormundet, indem man ihnen schon von vornherein vorgibt, wie es zu gehen hat.

Man lässt es den Leuten offen, dass sie die Assoziationen für sich selber machen und dann darüber nachdenken. Dieses Nachdenken ist was sehr Interessantes. Ich glaube, instinktiv fühlen die Leute, dass sie nicht bevormundet werden, sondern dass sie selber in diesem Text auch rumsurfen können und immer wieder neue Sachen finden. Das passiert mir sogar manchmal selber, dass ich auf der Bühne stehe und denke über eine Zeile nach und frage mich: Wieso habe ich die eigentlich geschrieben? In dem Fall habe in den Text auf einer griechischen Insel geschrieben nach einem Erlebnis auf einer Fähre. Da haben die Leute so gedrängelt und rücksichtslos Alte und Kinder zur Seite geschubst. Und da habe ich mich gefragt: Was passiert denn eigentlich, wenn es wirklich um etwas Wichtiges geht? Wie sind die Leute dann drauf? Das hat sich so verdichtet, dass dieser Text dabei rauskam.

Haben Sie Angst vor einem wachsenden Nationalimus?

Wenn man sich die AfD anschaut und die großen Populisten, die in Europa und weltweit an die Macht streben oder schon an der Macht sind, macht mir das wirklich Angst. Und dann dieser unerträgliche Kotzbrocken, der Amerika regiert. Das liegt natürlich daran, dass viele Leute sich politisch einfach nicht mehr informieren, obwohl wir in einer Informationsgesellschaft leben. Mittlerweile gibt's dann auch noch die Fake News. Man muss wirklich aufpassen. Ich halte da manchmal echt die Luft an. Aber man darf an dieser Stelle nicht nachgeben. Wenn wir in Deutschland aus der Weimarer Republik und der Zeit danach nichts gelernt haben, dann weiß ich es auch nicht.

Vermissen Sie die Protestkultur der 1980er-Jahre?

Also, ich finde das sensationell, was die Kids da in der Fridays-for-Future-Bewegung machen. Das ist ja fast das einzige noch, wo die Erwachsenen mal kapieren, dass der Klimawandel alle angeht. Wenn das nicht mehr ankommen würde bei den Erwachsenen, die Kinder haben, dann weiß ich auch nicht mehr. Also: Die Kinder machen lassen - auch mit Schuleschwänzen. Weil ansonsten würde ja keiner drüber berichten.

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